Guido Merry: Der Mann ohne Stürmer

Es gibt richtig viele gute Football Manager-Blogs da draußen – die meisten in englischer Sprache. In dieser 14-tägigen Serie möchte ich euch einige dieser FM-Schreiber vorstellen, indem ich sie selbst zu Wort kommen lasse.

Strikerless – der Name ist Programm: Guido Merrys Blog ist die Anlaufstelle, wenn es um Formationen ohne Stürmer geht. Aber auch sonst gehört seine Seite zum Besten, was es in der Football Manager-Community gibt. Umso mehr freue ich mich, dass Chris ihn in der letzten Ausgabe nominiert hat und er heute mein Gast ist:

 

Hi Guido, bitte stelle dich und dein Projekt doch kurz vor:
Also gut. Mein Name ist Guido Merry und ich bin 31 Jahre alt. Ich bin Lehrer an einer Sekundarschule, wo ich 12- bis 16-Jährige in den Feinheiten der niederländischen Sprache unterrichte. Mein Steckenpferd ist strikerless.com, wo ich mich – wie der Name richtig vermuten lässt – über stürmerlose Formationen auslasse; aber auch über Spielstrategien allgemein.

Ich schreibe seit fast fünfzehn Jahren über den Football Manager. Anfangs nur, indem ich Namen von großartigen Spielern, die ich gescoutet hatte, in einem Notizbuch gesammelt habe. Dann habe ich diese Listen online mit Leuten geteilt. Ich mochte es, Ideen und Gedanken über ein Spiel, das man gerne spielt, mit anderen auszutauschen. Ich war eines der Kinder, die Aufstellungen und Scoutinglisten an den Rand seiner Schulhefte gekritzelt haben.

Nach einer Weile kamen neben dem Scouting andere Themen hinzu. Anfangs war taktisch bei mir nichts los und ich habe mich auf das Verpflichten überlegener Spieler verlassen, um Spiele zu gewinnen – eine Strategie, die sich ausgezahlt hat. Ich hab mich dann mehr und mehr mit Taktik beschäftigt und meine Gedanken irgendwann auf Papier festgehalten. Wie sich herausgestellt hat, funktionierten ein paar meiner Ideen ziemlich gut im Spiel, sodass ich motiviert war mehr zu schreiben und meinen Stil weiterzuentwickeln.

Nachdem ich für verschiedene Websites geschrieben hatte (sowohl auf Englisch als auch in meiner Muttersprache, Niederländisch) und mir Deadlines und Admins, die meine Ideen als abwegig und nicht erfolgsversprechend für die Website abtaten, auf den Keks gingen, habe ich eine zweijährige Pause eingelegt, die zufällig mit dem Erscheinen von FM Live zusammen fiel. Das Spiel war wirklich großartig, es hatte alles. Originale Spielernamen, zufällige Kader, ein lebendiges Ingame-Wirtschaftssystem und man spielte gegen andere menschliche Spieler.

Strikerless

Auf Guidos Blog Strikerless ist der Name Programm

Während meiner FM-Live-Karriere habe ich den FM kaum angefasst. Angefangen habe ich aber mit Bloggen. Ich habe mich einfach über verschiede Mängel, die ich im Spiel entdeckt habe, ausgelassen und Strategien geteilt, die sich für mich als erfolgreich erwiesen hatten. Nachdem FM Live geschlossen wurde, habe ich wieder versucht für andere Websiten zu schreiben, aber es hat nie gepasst. Ich genoss die Freiheit, die mir mein eigener Blog bot. Als der FM14 herauskam, entschied ich, dass ich noch genügend Ideen zu teilen hätte, also habe ich Strikerless gegründet – benannt nach dem Stil, den ich am meisten mag.

 

Wann hast du mit dem Football Manager angefangen?

Ich vermute, ich bin einer der Veteranen, wenn es um den FM geht, da ich vor fast zwei Jahrzehnten angefangen habe. Ich war ziemlich jung. Los ging es als ich eine alte Version des Championship Manager aus einer der Schnäppchen-Körbe im lokalen Spielwarenladen gefischt hatte. Mein jüngerer Bruder und ich waren sofort gefangen und einige Wochen später kauften wir sogar die damals aktuelle CM-Version. Ich glaube, wir haben mit CM2 angefangen und seitdem jede Version gespielt. Es war eine aufregende Zeit für uns als holländische Fußballfans. Louis van Gaal ließ sein Ajax erstaunlichen Fußball spielen, PSV hatte vorne einen sehr jungen Ronaldo und Feyenoord beeindruckte ebenfalls in Europa. Und hier war dieses Spiel, das uns die Chance bot, den echten Erfolge dieser Mannschaften nachzueifern oder sie sogar zu übertreffen.

 

Zeit anzugeben: Was war dein außergewöhnlichster Erfolg im FM?

Es ist nahezu unmöglich einen Lieblingsspielstand zu nennen, bei den vielen die ich über die Jahre gespielt habe. Allgemein versuche ich langfristige Spielstände zu spielen, entweder als Clubhopper oder als jemand, der eine Dynastie errichtet. Außerdem habe ich eine Vorliebe für seltsame und ungewöhnliche Orte, an die sich nicht jeder vorwagt.

Wenn ich mich jedoch entscheiden muss, denke ich läuft es auf einen Spielstand in Indien hinaus, der all die genannten Aspekte verbindet und über vier Jahrzehnte im Spiel gedauert hat. Ich habe bei East Bengal angefangen, vor allem weil ich etwas neues ausprobieren wollte und vorher noch nie in Indien gespielt hatte. Es stellte sich als sehr spaßig heraus, kurze und nette Saisons und ziemlich herausfordernd, aufgrund mangelnder Ressourcen. Innerhalb von 25 Jahren habe ich East Bengal zu einem der reichsten Vereine der Welt gemacht, mit komplett erneuerter Jugendabteilung und einem engmaschigen Scoutingnetzwerk in Afrika. Dann wurde mir langweilig und ich übernahm die Nationalmannschaft sowie den Trainerposten bei den New Delhi Horses – hauptsächlich wegen des coolen Namens. Ich spielte 15 Jahre weiter, in denen ich tatsächlich mit Indien ein WM-Finale erreichte und auf Klubebene meine eigene East-Bengal-Dynastie mit New Delhi herausforderte. Dann kam der nächste Football Manager raus und der Spielstand war zu Ende.

Diese Art von Spielständen bevorzuge ich. Langfristig angelegt, dazu der Versuch mit einem kleinen Verein eine Dynastie zu begründen. In jeder Version des FM habe ich mindestens einen Spielstand, der länger als zwei Jahrzehnte dauert – sei es mit einem großen Klub wie PSG oder kleineren wie Melbourne Victory oder Fortuna Sittard. Mich kümmert es auch nicht, wenn die „echten“ Spieler in Rente gehen, da die neu generierten für mich real geworden sind. Ein neu generierter Spieler aus der eigenen Jugend, der zum weltweiten Superstar wird, ist ebenso befriedigend wie Messi oder Ronaldo zu verpflichten.

 

Welchen Aspekt des Spiels magst du am meisten?

Vermutlich den strategischen Aspekt. Ich weiß, mein Blog beschäftigt sich hauptsächlich mit taktischen Belangen, aber ich mag die geschäftliche Seite des Spiels genauso. Wann verkaufe ich einen Spieler, wie schlage ich aus einem Deal am meisten Profit, wie sorge ich für einen effizienten und günstigen Strom an Talenten – die strategischen Fragen interessieren mich genauso wie die taktischen.

Im Grunde will ich eine Seite aus dem Pozzo-Handbuch nehmen. Falls du die Geschichte nicht kennst: Giampaolo Pozzo übernahm 1986 seinen lokalen Verein Udinese, der seitdem eine unglaubliche Reise unternimmt, die sie von Wettskandalen und Zweitligafußball bis in die Champions League geführt hat. Giampaolo hat das nicht dadurch erreicht, dass er viel Geld für Spieler ausgegeben hätte – er investierte dagegen in Scouts, die einige der größten Talente auf der ganzen Welt fanden. Udinese holte sie ziemlich günstig und entwickelte sie zu großen Fußballern, die dem Verein zu wachsen halfen.

 

Was ist dein Lieblingsattribut und warum?

Ich habe keine andere Wahl als für Übersicht zu stimmen. Es kontrolliert die Breite des mentalen Repertoires eines Spielers. Um eine bestimmte Entscheidung treffen zu können, muss der Spieler diese Option zuallererst vor allem kennen. Hier kommt Kreativität ins Spiel, indem es entscheidet, aus wie vielen Möglichkeiten ein Spieler wählen kann. Ein hoher Wert bedeutet mehr Optionen. Wenn ich möchte, dass meine Spieler die Positionen tauschen, dann benötigen sie dafür eine hohe Fußballintelligenz. Übersicht ist wahrscheinlich das Attribut, welches das am besten widerspiegelt.

 

Was war das Inspirierendste, das Du in letzter Zeit über den FM gelesen oder gesehen hast?

Ich habe Alex Stewarts Moneyball-Serie sehr genossen, das hat genau mein Interesse getroffen. In letzter Zeit war ich außerdem von Rashidis Arbeit sehr angetan, der einige tiefergehende taktische Sachen geschrieben hat.

 

Wie du vielleicht weißt (oder auch nicht), darf der Football Manager in Deutschland weder verkauft noch beworben werden. Dennoch wächst die Community hier stetig, was uns zu einer Nation von FM-Anfängern macht (auch wenn es ein paar Veteranen gibt). Hast du einen Rat für jemanden, der komplett neu im Football Manager ist?

Ich würde sagen, hab einfach Spaß. Mach, was in deinen Augen funktionieren könnte, lerne aus dem, was dir davon um dir Ohren fliegt und lerne die Augenblicke wertzuschätzen, wenn ein Teil ins andere greift und du etwas Großes vollbracht hast. Wenn dir die Ideen mal ausgehen sollten, gibt es eine Menge Seiten und Kanäle, die Tipps und Lösungen anbieten – vor allem aber spiele das Spiel so wie du willst und hab Spaß dabei. Mach die Dinge nicht komplizierter als sie sind, indem du denkst auf eine bestimmte Art spielen zu müssen.

 

Hier ist die Bonus-Frage von Chris, der dich nominiert hat: Wie würdest du eine Mannschaft darauf vorbereiten, ohne Stürmer zu spielen, wenn du ein echter Trainer wärst?

Die Schlüsselbegriffe sind Bewegung und Geschlossenheit. Gute Bewegungen ohne Ball sind ein wichtiges Element jeder Formation. In einem System ohne Stürmer ist es mehr als das – hier ist es lebenswichtig. Ohne Stürmer fehlt die letzte Anspielstation und jemand, der den Ball vorne festmachen kann – also muss man sich auf die Bewegungen der Spieler in die Räume verlassen, wo sie entweder den Ball bekommen können oder neue Räume für andere öffnen.

Geschlossenheit bezieht sich letztlich auf das Konzept der Universalität, zusammen mit einer kompakten Formation. Ich werde schon wieder wie ein nerviger Streber klingen, wenn ich mich auf echte Trainer beziehe, aber hab hierfür noch einmal Nachsicht: Leute wie Michels, Cruyff, Lobanovskiy und Sacchi strebten nach Universalität, wo jeder Spieler auf dem Feld in jeder Phase des Spiels kollektive Verantwortung übernimmt. Nicht in dem Sinne, dass der Stürmer nach hinten eilt und beim Stellen der Abseitsfalle hilft, sondern mehr im Sinne des Stellungsspiels eines Abräumers, der sich so positioniert, dass die Verteidigung geschützt ist, er aber gleichzeitig auch eine sichere Anspielstation für seine Mitspieler darstellt, die sich nach vorne bewegen.

Auf diese Aspekte wurde ich mich konzentrieren und schauen, ob sich die Mannschaft mit diesem Konzept anfreunden kann. Allerdings bin ich kein professioneller Trainer und wahrscheinlich würde es im echten Leben spektakulär scheitern.

 

Nun darfst du den Staffelstab weiterreichen: Welchen FM-Schreiber soll ich für den nächsten Teil der Serie interviewen? Und gibt es eine Frage, die Du ihm stellen möchtest?

Du solltest wirklich Rashidi interviewen. Meine Frage: Welches neue Feature würdest du gerne im Football Manager 2016 sehen?

 

Dank je wel, Guido! :)

 

Merry Guido bloggt auf Strikerless und twittert unter @MerryGuido.

4 Kommentare

  • Hi,
    Vision kann man scheinbar auch nicht individuell trainieren. Ebenso wie decission.
    Schade, wäre ein netter Versuch gewesen das gezielt für bestimmte Spieler zu pushen.

  • Hi,
    Kreativität ist im englischen dann flair? Für welche Positionen ist das wichtig?
    Nur die Spielmacher oder mehr? Macht es Sinn das individuell zu trainieren?
    VG
    Volker

    • Hi Volker,

      danke für deine Nachfrage – habe es falsch übersetzt, statt Kreativität muss es Übersicht heißen im Deutschen. Im Englischen ist es Creativity (FM14) bzw. Vision (FM15).

      Das ist zwar (wie Flair) besonders wichtig für Spielmacher, tut aber auch dem Rest des Kaders gut.

      Bei Flair bin ich mir im Übrigen nicht sicher, ob man das individuell trainieren kann.

      Tery

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