Der Regisseur von Cannes – Saison 2017/18

AS Cannes FM18 2017/18

Die Côte d’Azur erstrahlt in den schönsten Blautönen. Doch mein Fokus liegt ganz auf dem grünen Rasen. Präsident Johan Micoud hat mich nach Cannes geholt, um seinen Heimatverein aus den Niederungen der 5. Liga nach oben zu führen. Dem will ich gerecht werden – auch, wenn die Mittel in einem Verein mit Amateuer-Status arg begrenzt sind …

Was bisher geschah: Einleitung

Vorbereitung

In der Vorbereitung habe ich gleich einen vermeidbaren Fehler begangen. Die Testspiele starteten mit einem 3:0-Sieg über Cannet Rocheville, einem 0:0 gegen die Reserve von Montpellier und einem kleinen Achtungserfolg gegen den FC Thun (1:1). Darauf folgte noch ein 2:1 Erfolg über Arles. Alles soweit in Ordnung, wir spielten in etwa wie ich mir das vorstellte und die Doppelspitze wurde gut über die Außen gefüttert.

Dann allerdings zum schlechten Part: Die zu meinem Amtsantritt vereinbarten Testspiele hatte ich beibehalten. Dadurch beendeten wir die Vorbereitung gegen stärkere Teams – und somit mit zwei absehbaren Klatschen. Nicht gut, wollte ich doch mit einer selbstbewussten Mannschaft in die Saison gehen.

Um zu retten, was zu retten ist, habe ich kurzfristig zwei weitere gegen Serie-B-Teams geplante Testspiele abgesagt. Man muss die Moral ja nicht unnötig weiter drücken.

Testspiele FM18

Eigentlich konnte ich mit der Vorbereitung zufrieden sein. Blieb nur zu hoffen, dass wir trotz der Niederlagen zum Schluss gut aus den Startlöchern kommen würden …

Coupe de France

Coupe de France FM18Ziel im französischen Pokal war das Erreichen der 7. Runde, wir stiegen in Runde 5 ein. Somit war nur etwas Losglück notwendig, um die Vorgabe zu erfüllen. Es tummeln sich tatsächlich viele Vereine im Pokal, die noch tiefer als wir spielen.

Erst in der 8. Runde bekamen wir mit dem direkten Ligakonkurrenten Le Pontet einen etwas stärkeren Gegner vor die Brust. Und das Spiel sollte der Beginn einer kleinen Fehde werden: Wie in der Liga auch, konnten wir das sehr intensive Spiel erst kurz vor Schluss zu unseren Gunsten drehen.

In der folgenden Runde ging es dann gegen einen der ganz Großen: Olympique Marseille besuchte uns in Cannes und brachte einen Hauch der großen französischen Fußballwelt mit (den wir sonst nur im Präsidenten-Büro verspüren). Auch wenn die 1:2-Niederlage auf dem Papier knapp aussieht, waren wir im Endeffekt 90 Minuten lang chancenlos. Unser Ehrentreffer krönt Lenzinis Leistung, der ohne Ende geackert hat.

Was bleibt? Unser Ziel konnten wir um zwei Runden übertrumpfen, dazu wurde unser Spiel gegen Marseille im TV übertragen. Das hat uns eine ansehnliche Summe in die Kassen gespült – und Geld ist im Amateurbereich immer herzlich willkommen.

Pokalergebnisse 17/18 FM18

National 3-Corse-Méditerranée

National 3 FM18In der 5. Liga erwartete le président Johan Micoud eine Endplatzierung in der oberen Tabellenhälfte. Diesen Kurs haben wir die ganze Zeit über gehalten – und Richtung Norden korrigiert: Wir steigen direkt auf und das ohne einzige Niederlage!

Dafür spielten wir etliche Male nur unentschieden, sodass der Aufstieg tatsächlich erst am letzten Spieltag sicher war. Vor der Einführung der Drei-Punkte-Regel (ich bin immer noch kein Freund davon) hätten wir nicht so zittern müssen …

Alles in allem bin ich mit der Saison natürlich hochzufrieden. Allerdings war die Spielweise meistens nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe: zu viel magath’scher Ergebnisfußball, zu wenig begeisterndes Hurra-Feuerwerk. Im Endeffekt kann es mir durch das Übertrumpfen der Ziele egal sein. Vielleicht muss ich den Kader erst mehr nach meinen Vorstellungen formen und nochmal ans taktische Reißbrett gehen. Aber soll ich wirklich an einem funktionierenden System herumschrauben?

Tabelle 2017/18

Ergebnisse National 3 2017/18

Taktik, Scouting und ein Hoffnungsträger

Im Laufe der Saison gab es einige Themen, die mich beschäftigt haben und die hier noch erwähnt werden sollen:

Kostengünstiges Scouting

Zum einen hätten wir das neue Scouting-System, das mir immer noch das ein oder andere Fragezeichen über dem Kopf entstehen lässt. Zu Saisonanfang stand mir ausreichend Budget zur Verfügung, um mir ein Scouting-Paket leisten zu können. Damit konnte ich immerhin ein wenig scouten. Relativ schnell war dieses Paket jedoch wieder weg und ich konnte es auch nicht erneut aktivieren. Das Scouten eines Spielers war somit immer mit Kosten verbunden.

Ich weiß nicht, ob das Problem mit dem Scoutingpaket oder dem Amateurstatus zusammenhängt – aber irgendwie musste schnell eine Lösung her. Zumal ich den Kontostand nicht unbedingt weiter belasten wollte. Trotz des Erfolgs im Pokal und die geringen Gehaltskosten (dank Amateur-Status spielen die Spieler für lau), schließen wir die Saison mit einem Minus von rund 70.000 Euro ab.

Die Lösung habe ich schnell, aber eher zufällig gefunden: Probetrainings! Diese habe ich in den letzten Jahren wenig benutzt – sie bieten jedoch eine kostenlose Möglichkeit, um innerhalb kurzer Zeit potenzielle Neuzugänge kennenzulernen. Da wir sowieso nur vereinlose Spieler verpflichten können, waren die meisten Kandidaten froh über die Gelegenheit, in Cannes vorzuspielen. Über die Saison verteilt hatten wir bestimmt an die 20 Leihspieler in den verschiedenen Mannschaften – der ein oder andere konnte sich auch tatsächlich für eine Verpflichtung empfehlen.

Taktische Umstellungen

Am Anfang der Saison war es für mich noch relativ klar, das ich das 4-4-2 in seiner klassischen Art spielen lassen möchte. Es kam aber schnell anders. Mir ist im Laufe der Saison aufgefallen, dass die meisten meiner zentralen Mittelfeldspieler besser im defensiven Mittelfeld aufgeboben wären. Mit der Umstellung auf eine Doppelsechs haben wir den Gegnern endgültig den Riegel vorgeschoben – allerdings auf Kosten des Offensivspiels. Meine Hoffnung war, dass der Segundo Volante genug Offensivdrang entwickeln würde, um das auszugleichen. Leider war das nicht der Fall.

Das Problem war schnell ausgemacht: die Verbindung vom Mittelfeld zum Sturm kam nicht zustande, auch nicht über die Flügel. Als Konsequenz opferte ich einen Stürmer und zog ihn auf die Zehn zurück. Das funktionierte deutlich besser und hatte zusätzlich noch einen netten Nebeneffekt:

Im Laufe der Hinrunde wurde ich auf einen meiner Jugendspieler aufmerksam, der in regelmäßigen Abständen von Erst- und Zweitligisten umworben wurde. Er lehnte jedoch alle Angebote ab. Das sollte belohnt werden – und so habe ich Guillaume Girard auf die neu geschaffene 10er-Position gesetzt. Die Spielpraxis in der ersten Elf hat seiner Entwicklung ganz gut getan, auch wenn ich noch nicht die perfekte Rolle für ihn gefunden habe. Aber mit seinen gerade mal 17 Jahren ist Girard noch formbar. Wir kommen gleich nochmal auf ihn zurück.

alte Taktiken

Zurück zur Taktik: Die Wunschtaktik für die kommende Saison steht. Zumindest auf dem Papier – ich hoffe, sie wird auch auf dem Platz erfolgreich sein. Der Impuls für die Taktik kam mir während der Saison, nachdem ich auf die Formation mit Zehner umgestellt hatte: Wir sind hier im Verein von Johan Micoud, einem der besten Zehner seiner Zeit. Wenn jemand einem jungen, talentierten Spielmacher wie Girard den Weg zeigen kann, dann Le Chef. Und wenn wir schon alte Zeiten aufleben lassen, warum nicht mit dem System, in dem Micoud seine größten Erfolge gefeiert hatte? Also: Hallo Werder-Raute!

AS Cannes TaktikUnter Thomas Schaaf sähe das vielleicht etwas anders aus, aber ich denke, in meiner Neuinterpretation könnte für uns ein Schuh draus werden. Wenn unser Hoffungsträger auf der Zehn einschlägt, werden wir hoffentlich nichts mit dem Abstiegskampf in Liga 4 zu tun haben.

Le Chef II.

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf den jungen Mann, der künftig die Strippen ziehen soll: Guillaume Girard, 17 Jahre jung und in einigen Bereichen schon sehr weit. Vor allem seine Übersicht und Technik sind für das Niveau überragend. Ich werde versuchen den Spieler gezielt zu entwickeln – für mich eine Premiere. Da er wohl der talentierteste Kicker im Kader ist und ihm auch eine größere Zukunft vorausgesagt wird, soll er die neue Identifikationsfigur auf und neben dem Platz werden – Le Chef, der Zweite.

Bleibt nur zu hoffen, dass das Interesse der höherklassigen Vereine bald abklingt oder er die Angebote zumindest weiterhin ablehnt, bis wir ihm irgendwann einen Vollzeit-Vertrag geben können …

Girard, AS Cannes

Fazit

Das war meine erste Saison als Trainer unter Micouds Regentschaft. Auch wenn es taktisch noch etwas hakte, konnten wir in Liga und Pokal die Vorgaben des Vorstands übertrumpfen und den Aufstieg in die 4. Liga feiern. Zudem haben wir im jungen Girard einen potenziellen Regisseur für den AS Cannes gefunden.

Wird es mir gelingen, ihn zu einem neuen Micoud zu formen? Kann er weiterhin den Verlockungen der großen Vereine widerstehen? Ich werde berichten.

Zunächst gilt es jedoch, die Mannschaft auf das neue Niveau vorzubereiten, das uns in der 4. Liga erwarten wird …

Wenn du Fragen, Anmerkungen, Anregungen hast, freue ich mich auf deinen Kommentar :-)

Cannes_Siegerehrung_FM18

Titelbild: Guy Lebègue [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

6 Kommentare

  • Sehr schöner Erfolg gleich in der ersten Saison – herzlichen Glückwunsch! Bin gespannt, wie es weitergeht. :)

  • dem kann ich mich nur anschließen :) freut mich, das du gleich in der ersten saison aufgestiegen bist ;) und freue mich auch sehr wenn du berichtest wie es weiter geht :)

    mfg nameless

    • Danke, mich hat das sehr überrascht. Die zweite Saison soll ja immer die schwerste sein, man wird bestimmt durch das ein oder andere Tief durchmüssen. Freut mich, dich dabei zu haben.

  • Sehr sehr cool! Interessante Vorgehensweise (vor Allem Taktisch für die kommende Saison). Ich glaube ich verstehe wie Du spielen willst. Halt uns auf dem Laufenden.

    Wünsche nur das Beste!

    • Freut mich, ich bleib natürlich auch dran. Generell soll jeden Samstag ein weiterer Teil veröffentlicht werden. ;)

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